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(K)EINWEG
••Montag•, den 29. •Oktober• 2007 um 00:00 Uhr•

im jahr 2000 wurden hierzulande nur 7,1 prozent der alkoholfreien getränke (afg) in plastik-einwegflaschen abgefüllt. im jahr 2006 waren es 51 prozent, und 56,9 prozent im ersten halbjahr 2007 (schreibt die wafg auf basis der GfK, von denen auch alle folgenden infos kommen wenn nichts anderes dabeisteht). diese entwicklung von einweg und mehrweg nennt man wohl eindeutig, und sie wird sich fortsetzen.

komisch, denn im jahr 2003 wurde doch eigentlich das einwegpfand mit dem ziel eingeführt, die zuvor schon gefallene mehrwegquote bei afg zu stabilisieren. glas-mehrweg zb fiel allerdings weiter, und zwar deutlich von 52,1 prozent anteil bei afg im jahr 2000 bis auf 16 prozent im ersten halbjahr 2007. sowas nennt man wohl total versemmelt.

ist das schlecht für die umwelt? dazu später mehr, sonst liest wieder keiner weiter :-) ist es denn so relevant, in welchen flaschen getränke kommen? abgesehen davon dass plastik nie ganz dicht ist, man daher mehr kohlensäure zugeben muss was den geschmack ändert usw ... ja, es ist relevant, weil sich dadurch strukturen ändern, und strukturen ändern menschen.

was bedeutet plastik-einweg für den handel? discounter bauen ihre marktmacht aus: von 49,6 prozent aller für den heimgebrauch verkauften afg im ersten halbjahr 2006 stieg ihr anteil auf 53,3 prozent im ersten halbjahr 2007. warum? nicht zurückgebrachte einwegflaschen spülen hohe gewinne ein - deren herstellung ist nämlich deutlich billiger als der pfand, also verdienen discounter mit eigenmarken auch noch am pfand, trotz aller quengelei über teure rücknahme-automaten; die kann man mit rund 50 prozent anteil an zb 2.599.300 verkauften litern wasser im 1. quartal 2007 locker bezahlen.

plastik-einweg wird noch dazu fast ausschließlich in folie eingeschweißt - das spart lästige mehrwegkisten, die das zwei- bis dreifache ihres pfandwerts kosten (und von denen es daher bei nur-betriebswirtschaftlich denkenden unternehmen immer zuwenig gibt). mit plastik-einweg können discounter noch billiger anbieten als sowieso schon durch große mengen. menschen kaufen günstig und mögen leichte flaschen. deswegen steigt der marktanteil der discounter, und (unsere) getränkefachmärkte verloren im o.g. bereich und zeitraum 9,6 prozent umsatz.

eine zweite auswirkung: mehr transporte. discounter kaufen große mengen an zentralen produktionsanlagen im einen land, fahren sie in zentrallager anderer länder und von dort zu vielen filialbetrieben. regionale mehrweglogistik wird benachteiligt - und es ist trotz hoher spritpreise und lkw-maut immer noch billiger, große mengen weit fahren zu lassen als kleine mengen um die ecke. das heisst: pro produkt kommen immer mehr kilometer zusammen, und bei größeren mengen mit wachsenden marktanteilen verstärkt sich der effekt. der laster auf der autobahn vor ihnen könnte also eine folge des einwegpfands sein, und der davor auch. allerdings sind in beiden leider die gleichen produkte drin ...

denn: wo alternative strukturen geschwächt werden, kommen produkte nicht zum kunden - bzw. es kommen die immer gleichen produkte des discounters. irgendwann kennen konsumenten nur noch standardmarken; cola-getränke konnten in o.g. zeitraum zwar insgesamt 11,1 prozent an umsatz zulegen, aber wieviele cola-marken kennen sie denn, und wieviele könnten sie bei ihrem händler bekommen? es gibt mindestens 48 cola-marken in deutschland, und jede schmeckt anders, vermute ich mal - denn selbst unsere händler haben nur eine handvoll. meine persönliche einschätzung: für kleine marken wird es schwieriger werden, bekanntheit zu schaffen und ihre kunden überhaupt zu erreichen; und sie werden dabei immer teurer sein müssen als discounter. hier sind also strategien gefragt, sonst kennen konsumenten irgendwann nur noch zwei cola-marken und drei biere, alles in plastik. gekauft wird dann was bekannt ist, und die mengen steigen ...

wie reagieren wir darauf? erstmal gar nicht. wir arbeiten weiter mit unseren händlern und achten auch weiterhin darauf, ihnen über feste preise und stabile netzwerke in die gastronomie einen kleinen teil kalkulierbares einkommen zu bieten. das klingt groß, aber wir sind selbst winzig, machen uns nur große gedanken :-) schließlich sind vor allem die kleinen händler aufbauhelfer, denen man nicht irgendwann mit plastik über discounter in den rücken tritt. aber wie stabil ist das netzwerk eigentlich, mal so in die zukunft gesponnen?

"Für Jugendliche sind PET-Flaschen mittlerweile ein gelerntes Gebinde, Ältere bevorzugen nach wie vor Glas-Flaschen" sprach die GfK via wafg.de. zu denen gehören dann wohl auch wir, weil fast keiner bei uns premium aus plastik trinken will. noch steht auch die gastronomie ziemlich stabil auf glas-mehrweg, aber es gibt festivals zu denen wir wegen der verletzungsgefahr durch glas nicht liefern dürfen. im klub sind auch viele angeheiterte leute auf engem raum, vielleicht kommt irgendwann ein anti-verletzungsgesetz für klubs, wenn doch genug plastik-einweg verfügbar ist? feiergenerationen wechseln auch alle paar jahre. meine ganz persönliche vermutung: wenn o.g. jugendliche an plastik gewöhnt sind, nur drei großmarken kennen und dann klubgänger werden, steigt der druck, plastikflaschen zu verwenden.

wir machen trotzdem weiter glas-mehrweg. warum? weil glas dicht ist, den geschmack des inhalts nicht beeinflusst, das getränk kühlt, die vielfalt und o.g. strukturen schützt, weil wirs einfach falsch finden aus plastik zu trinken. alles persönliche gründe. außerdem ist glas-mehrweg ökologischer. stimmt das überhaupt?

ausgerechnet forum-pet.de wirft eine studie des umweltbundesamts (pdf) rüber, in der plastik-einweg im vergleich mit glas-mehrweg gar nicht gut wegkommt. die studie ist von 2002, eine aktuellere scheints nicht zu geben, sie rechnet allerdings voraus.

seite neun: "Die in Phase 1 aus Umweltschutzsicht festgestellten Vorteile der Mehrwegsysteme gegenüber Einwegsystemen (Ausnahme: Getränkekarton) werden insgesamt bestätigt. Dies gilt auch im Vergleich mit PET-Einwegsystemen. Vorteile auf Seiten des Glas-Mehrwegsystems ergeben sich auch beim Vergleich mit PET-Rücklaufsystemen (PET-Cycle, bepfandete PET-Flaschen mit eigener Aufbereitung) unter den hier angenommenen Randbedingungen (Rücklaufquote: 95 %, Sekundär-PET-Einsatzquote: 50 %)."

seite zehn: "Die bis zum Jahr 2005 zu erwartenden Verbesserungen im Verkehrsbereich hinsichtlich Treibstoffverbrauch und Schadstoffausstoß werden beim untersuchten Mehrwegsystem zu erheblich geringeren Umweltbelastungen führen. Beim PET-Rücklaufsystem zeigen sich diese Effekte in deutlich geringerem Maße. Auf die Ergebnisse der übrigen Einwegsysteme haben diese Verbesserungen im Verkehrsbereich keinen nennenswerten Effekt."

hab ich das richtig verstanden - glas-mehrweg könnte sogar mengen steigern und immer noch weniger umweltbelastungen verursachen als plastik-einweg, aber die entwicklung verläuft genau andersrum, stärkt die marktmacht von discountern und reduziert die produktvielfalt? anscheinend will sich der gesetzgeber trotzdem erst 2010 wieder mit dem thema befassen, wenn die verantwortlichen schon im ruhestand sind oder so. was kann man denn da machen? "kein PET-einweg kaufen" - und schon wird uns eigeninteresse unterstellt wie fast allen o.g. quellen. okay, dann so: "trinkt mehr leitungswasser, das spart flaschen, kisten, logistik, marke, handel und discounter!" :-)

 

•Zuletzt aktualisiert am ••Montag•, den 21. •Dezember• 2009 um 15:50 Uhr••